Theologisch-Pädagogisches Institut (TPI) in Moritzburg

Materialien zur Reformation [www.tpi-moritzburg.de/reformation/]



 

3.2 "Wie die Freiheit in den Glauben kam"



Die Reformationszeit soll zugleich als ein kritischer Spiegel für uns selbst und für unsere Zeit wahrgenommen werden. Dies kann geschehen, indem damals wie heute virulente Grundfragen unseres persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens an historischem und gegenwärtigem Material erörtert werden. Thematische Zugänge bzw. Schlüsselbegriffe dafür könnten z. B. sein: „Gott und Mensch“, „Freiheit“, „Frieden“, „Gerechtigkeit“, „Armut und Reichtum“, „Herrschaft“, „Gewalt“, „Krieg“, „Tod“ u.a.m. (oder auch deren Kombinationen). Die folgenden Materialien und Unterrichts-/ Bearbeitungsvorschläge beziehen sich schwerpunktmäßig auf das Thema „Freiheit“, das (wie alle anderen Themen auch) seine spezifische Schärfe natürlich aus seinem jeweiligen geschichtlichen Kontext bezieht.

Inhaltliche Einführung



Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert brachte vor allem für Deutschland als dem volksreichsten (12/13 Millionen) und vorübergehend wirtschaftlich stärksten Land Europas eine Fülle grundlegender ökonomisch, sozialer und politischer Umwälzungen mit sich. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Reformation können grob vereinfachend folgendermaßen beschrieben werden können:

Ökonomisch



Neue Technologien (Bergbau, Textil und Metallverarbeitung) ermöglichten eine gesteigerte Warenproduktion (größerer Markt durch Bevölkerungsvermehrung und Entwicklung des Fernhandels, Entdeckungen), die ihrerseits einen erhöhten Kapitalbedarf (Investitionen zur Ausweitung der Produktion) mit sich brachte; Erleichterung von Kapitalinvestition und Kapitalkonzentration entstand durch Einführung von Geld als universalem Zahlungsmittel. Große Kapitalgesellschaften (Fugger) griffen in die handwerkliche Produktion ein (Verlagswesen), trieben über Geldverleih an den kleinen Mann und hohe Zinsen („Wucher“) die Verschuldung und Verarmung von Bauern und Handwerkern voran („die großen Hansen“, die „schinden und schaben“) und nahmen über riesige Kredite an Kaiser, Fürsten und hohe Geistlichkeit wichtigen Einfluss auf die Reichspolitik. Die hinter diesen ökonomischen Umwälzungen stehende Schicht war das gesellschaftlich aufsteigende Bürgertum.

Sozial



Das Aufkommen der durch das Bürgertum verkörperten frühkapitalistischen Produktionsweise verschärfte den bereits bestehenden gesellschaftlichen Grundwiderspruch zwischen Bauerntum und Feudaladel und brachte die alte mittelalterliche Ständeordnung durcheinander:
Während die Territorialfürsten durch die wachsenden Steuereinnahmen ihre wirtschaftliche und politische Macht (gekaufte Söldnerheere, die allein noch von den Fürsten bezahlt und ausgerüstet werden können) steigerten, stieg der untere und mittlere Adel (Ritterschaft) ab. Beide wälzten ihren erhöhten Geldbedarf durch verschärfte Ausbeutung (Erhöhung von Steuern und Abgaben und Ausdehnung der Leibeigenschaft) auf die Bauern ab.
In den Städten wuchs der gesellschaftliche Widerspruch zwischen dem Patriziat (im Wesentlichen die Bürger) und den nach demokratischer Mitsprache drängenden Zünften. In den im Bergwerk und im Textil- und Metallbereich tätigen
Handwerksburschen („Bergknappen“) wuchs die künftige Unterschicht heran.
Fast alle Schichten und Klassen standen im Widerspruch zur Kirche; denn sie partizipierte mit Ritterschaft und Territorialfürsten an der Ausbeutung der Bauern; sie hatte in den Städten im Bereich von Justiz, Bildung und Sozialwesen eigene Rechte gegenüber dem auf mehr politische Macht und Selbstständigkeit drängenden Bürgertum, weckte durch ihren Reichtum die Begehrlichkeit der Territorialfürsten, griff als römische, d.h. politisch von Italien gelenkte Kirche in die Politik des deutschen Reiches ein und zog durch Steuern, Abgaben und Ablasshandel eine riesige Summe aus Deutschland heraus; deshalb konzentrierte sich die Sozialkritik breiter Volksschichten in Deutschland am Vorabend der
Reformation in einer grundsätzlichen Kritik an der Papstkirche. Ein wesentlicher Angriffspunkt bei der Kritik an der Papstkirche war wiederum der Ablasshandel (vgl. auch Baustein „Die Zeit“).

Politisch



Politischen Ausdruck fanden die ökonomischen und sozialen Unruhen am Vorabend der Reformation in
-zunehmenden Bauernrevolten
-Kämpfen zwischen Patriziat und Zünften um eine demokratische Stadtverfassung in den städtischen Zentren
-zunehmender Macht der Territorialfürsten gegenüber der kaiserlichen Zentralgewalt
-Forderungen aller Stände des Reiches nach einer Reform der Kirche „an Haupt und Gliedern“


Religiös



In der Volksfrömmigkeit spiegelten sich die religiöse Unsicherheit und Sehnsucht zum einen in der Angst vor dem Fegefeuer und vor dem Jüngsten Gericht („Christus als Weltenrichter“); zum anderen gewann Maria eine zentrale Bedeutung als Fürbitterin für das Seelenheil, aber auch als Klägerin gegen soziale Ungerechtigkeit und Herrschaftsmissbrauch. Zwischen Gerichtsangst und Erlösungshoffnung floh der spät-mittelalterliche Mensch einerseits in die kirchlichen Heilsmittel und übte andererseits radikale Kritik an der Kirche, bei der Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Die innere Bedrohung durch die Religion konnte auch zur Flucht nach innen oder zur Flucht in die Ekstase führen.
Die Lebens- und Glaubenskrise des jungen Luther – seine neue Gotteserkenntnis und Selbsterfahrung - sind Hintergrund für seine Position im Ablassstreit. Das kirchliche Ablasswesen und Luthers Einwände dagegen hatten erhebliche äußere und innere, kirchliche und gesellschaftliche Konsequenzen. Die Aufnahme der reformatorischen Freiheitsbotschaft durch die Zeitgenossen ließ den Theologenstreit zu einer Volksbewegung werden, die sich schnell nicht nur zu einer breiten religiösen, sondern auch zu einer sozialen und politischen Freiheits-bewegung entwickelte. Luther sah dadurch den Kern seines Freiheitsverständnisses bedroht und sprach vor allem den (leibeigenen) Bauern das Recht ab, sich in ihren Forderungen auf das Evangelium zu berufen (siehe Luthers Antwort auf die 12 Artikel der Bauernschaft zu Schwaben). Mit seiner Zwei-Reiche-Lehre legitimierte er die bestehende Herrschaft als politischen Ordnungsfaktor. – Eine Folge davon war, dass künftige politische Erneuerungsbewegungen – z.B. die demokratische Revolution von 1848 oder auch die Arbeiterbewegung - sich unabhängig und zu einem großen Teil auch gegen die protestantischen Kirchen vollzogen.

Weiter zu (II) Didaktische Hinweise [1]


Die Überschrift dieses Bausteins "Wie die Freiheit in den Glauben kam" ist ein Zitat aus dem Rezensionstitel von Friedrich Wilhelm Graf über Thomas Kaufmanns Reformationsgeschichte (ZEIT Online, 30.12.2009).


Link-Referenzen:
[1] https://www.impuls-reformation.de/rr/modul_3-2_didaktik.asp

 
Materialien zur Reformation - www.TPI-Moritzburg.de/Reformation
Stand: 26.06.2022 | https://www.impuls-reformation.de/rr/modul_3-2_einfuehrung.asp


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