Theologisch-Pädagogisches Institut (TPI) in Moritzburg

Materialien zur Reformation [www.tpi-moritzburg.de/reformation/]




Frieden 1500-1530:(II) Didaktische Hinweise


3.3 Frieden 1500 - 1530



Didaktische Hinweise



Ausgehend von der Frage des Reichsritters Assa von Kram an Luther „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“ oder, um es zeitgemäßer auszudrücken: Kann ein Christ bzw. ein gläubiger Mensch auch heute noch Soldat sein?, sollen Konsequenzen christlicher Freiheit im Mittelpunkt der UE stehen. Diese Fragestellung ist für junge Menschen existentiell näherliegend, als es andere Überlegungen zum Thema Krieg und Frieden sind, selbst wenn nach Abschaffung der Wehrpflicht diesbezügliche Gewissenskonflikte in der Bundesrepublik nicht mehr durch Kriegsverweigerungsprozesse belastet werden.

Als Einstieg in die Thematik eignet sich - trotz seines hohen Alters - das berühmte „Kriegslied“ (M1a und b) von Matthias Claudius (1740-1815) gut; denn in ihm werden Klage und Anklage, Gewissensprobleme und Kriegselend und die Bedeutung des Seelenheils eindrucksvoll vorgetragen. Letzteres wird als wichtiger erkannt als fragwürdige Ehrvorstellungen, Macht und Reichtum. Auch der biographische und historische Hintergrund spricht für das Gedicht. Als entschiedener Gegner der Kriege hatte Claudius sich immer wieder mit den Kriegen und dem Frieden machen in seiner Zeit beschäftigt. Anlass für das „Kriegslied“ ist der Bayerische Erbfolgekrieg, der 1778 begann. Die besondere Verantwortung des Herrschers für seine Untertanen findet sich auch in dem Gedicht.
Als sein Sohn Johannes 1807 in den Krieg zog, der als Verteidigungskrieg verstanden wurde – es ging um die Verteidigung Dänemarks gegen England -, billigte Claudius dessen Verhalten, riet ihm aber: „töte nicht, so lange Du ohne Gefahr des eigenen Lebens gefangen nehmen kannst.“
Das Gedicht „Kriegslied“ eignet sich auch für die Sekundarstufe I und könnte fächerübergreifend im Deutschunterricht behandelt werden. Nach der Analyse und Interpretation des Gedichtes soll mit einem Echo-Text Schülerinnen und Schülern Gelegenheit gegeben werden, eigene Gefühle und Gedanken zu klären, vertiefend darüber nachzudenken, woran sie angesichts der aktuellen politischen Lage, vielleicht auch ihrer persönlichen, nicht schuld sein möchten.

M2 bietet Zitate von zeitgenössischen Repräsentanten aus Politik und Kirche. Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat sie im August 2014 unter dem Motto „Warum sollen wir helfen?“ zusammengestellt. Ihr Thema ist vor allem das militärische Eingreifen gegen das mörderische Treiben des sogenannten „islamischen Staates“ (IS) und die Rechtfertigung dieses Eingreifens, wobei in den Zitaten offen bleibt, wie dieses Eingreifen konkret aussehen soll. Die Entwicklung eines fiktiven Gesprächs zwischen den Repräsentanten und Claudius könnte die unterschiedliche Problemlage und Perspektive verdeutlichen, aber auch perspektivische Ähnlichkeiten zeigen.
Die folgenden Materialien, die die Position des Humanisten Erasmus (M3) und des Reformators und Theologie-Professors Martin Luther zur Friedenfrage vorstellen, sollen in arbeitsteiliger Gruppenarbeit bearbeitet werden. Die Auszüge aus Luthers „Obrigkeitsschrift“ (M5) und aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ (M6) ermöglichen es, Luthers Antwort an Assa von Kram, seine Position zu dessen Frage, zu verdeutlichen und zu vertiefen.

Ziel dieser Unterrichtsphase ist es, sich mit den Texten anhand von Fragen so auseinanderzusetzen, dass eine Präsentation in Form einer Interview-Reihe im Fernsehen zum Thema „Frieden“ vorbereitet wird. Dadurch werden auch die Ergebnisse der einzelnen Gruppen im Austausch zusammengeführt. Akteure der Interview-Reihe könnten ein Sprecher, zwei Interviewer, Erasmus und Luther (in drei Personen entsprechend der Gruppen oder die drei Personen wählen eine, die für alle drei auftritt) sein.
Die Gruppe, die M4a bearbeitet hat, wählt einen Sprecher und zwei Interviewer. Der Sprecher kündigt die Interview-Reihe an und das erste Interview mit Erasmus von Rotterdam, den er auch vorstellt. Es ist sinnvoll, mit Erasmus zu beginnen, da die Befragung Luthers umfangreicher und im Ergebnis komplexer ist.
Der erste Interviewer hat die Ergebnisse der Erasmus-Gruppe (M3) und entwickelt anhand der Aufgaben, die alle Gruppen erhalten haben, und des Gruppenergebnisses ein Interview mit Erasmus. Der zweite Interviewer hat die Ergebnisse der Gruppen M4b, M5 und M6 erhalten und kann anhand der Aufgaben und der Gruppenergebnisse ein Interview mit Luther entwerfen.
Während Sprecher und Interviewer an ihren Aufgaben arbeiten, erhalten die anderen Gruppen die Arbeitsbögen, die sie bisher nicht hatten. Sie sollten sich aber auch auf die Befragung gut vorbereiten, die sich auf ihren Text bezieht und ihren Kandidaten, den sie ins Interview schicken, unterstützen. Diejenigen, die alle Texte gelesen haben, überlegen sich auch, ob sie jeweils eine/einen zur Unterstützung des Sprechers oder der Interviewer schicken möchten.
Nach dieser Arbeit findet die „Befragung des Humanisten Erasmus von Rotterdam und des Theologieprofessors Dr. Martin Luther zu dem aktuellen Problem, ob man auch als Soldat in einem Gott wohlgefälligen Stande leben könne“ statt. Der Sprecher sollte aber nicht nur Erasmus und Luther vorstellen, sondern auch den Ritter Assa von Kram (M4a und b), dessen Frage ja Anlass für Luthers kleine Schrift war (vgl. auch Baustein „Luther selbst“).
In den Interviews wird das Problem von Krieg und Frieden bzw. von Evangelium und (staatlicher) Gewalt behandelt.

Dabei sind folgende Fragen wesentlich:
-in wieweit ist ein Christ entsprechenden Vorhaben, Anordnungen und Maßnahmen des Staates (der Obrigkeit) Gehorsam schuldig?
-welche Befugnisse, Aufgaben, Grenzen des Staates (der „weltlichen Gewalt“) sind im Blick auf die Drohung mit und bei der Anwendung von Kriegsgewalt zu beachten?
-ob und wieweit kann, darf, soll der Christ dabei mitmachen (soll/kann er „gehorsam“ sein)?
-Gibt es dafür eine Grenze? Und was wird dann von einem Christen erwartet?

Die Präsentation kann durch aktuelle Schlagzeilen und Bilder, die als Hintergrund projiziert werden, anschaulich gestaltet und aktualisiert werden.

M7 bietet die Stellungnahme eines Obersten der Bundeswehr zu der Frage: „Warum ich als Christ Soldat bin?“ Interessant ist, dass Adelbert von der Recke seinen „Kollegen“ aus dem 16. Jahrhundert, Assa von Kram, ausdrücklich erwähnt.
M8 stellt die aktuelle Position einer Theologin mit den Forderungen „Eigentlich soll Frieden sein“ und „Gerechtigkeit müssen wir üben“ vor. Obwohl zwischen Oberst und Theologin keine unmittelbare Verbindung besteht, wie im Falle Luthers und Assa von Krams, wäre es doch interessant, beide miteinander ins Gespräch zu bringen.

Zum Abschluss wäre eine Talkshow zwischen den historischen Personen und den Zeitgenossen vorstellbar.

Die vorgeschlagene Klausur beschäftigt sich mit der Stellungnahme des Generals a. D. Ulrich de Maizière aus dem Jahre 1982 zu dem Thema „Krieg und Frieden. Kann ein Christ auch heute noch Soldat sein?“ Sie schließt inhaltlich direkt an das an, was im Unterricht behandelt wurde.
Als Alternative wäre der aktuellere Text von Daniel Haufler vorstellbar, der allerdings etwas andere Schwerpunkte setzt als die, die im Unterricht im Zentrum standen.


Lernziel – oder Kompetenzorientierung



Die Schülerinnen und Schüler können:
-die scharfe Ablehnung von Krieg und den vehementen Einsatz für Frieden von Erasmus darstellen und begründen;
-Martin Luthers Haltung zu Krieg und Frieden formulieren und Unterschiede zu Erasmus nennen;
-die Schutz- und Straffunktion, die er der Obrigkeit zubilligt, erläutern;
-Grundgedanken der Zwei-Reiche-Lehre nennen und ihre Bedeutung für die Gewaltfrage aufzeigen;
-die Grenzen der Obrigkeit gegenüber dem Einzelnen darlegen;
-das Freiheitverständnis Luthers erläutern;
-die Position von Erasmus und Luther auf aktuelle Text anwenden und deren Wirkungsbedeutung erkennen.

Methodisch lernen die Schülerinnen und Schüler:
-Texte zu analysieren und zu interpretieren;
-sich kreativ und handlungsorientiert mit Texten auseinanderzusetzen, um einen persönlichen Zugang zum Thema herzustellen; dazu verwenden sie Methoden des Kreativen Schreibens (Echo-Text, fiktives Gespräch) und der Medien (Talk-Show, Interview, Präsentation);
-Ergebnisse von Gruppenarbeit zu einem Gesamtergebnis (Talkshow) zusammenzuführen und es zu präsentieren (evtl. auch mit Bildmaterial und Musik);
-ein Bild zu deuten (Holzschnitt).

Gegenwartsbezogene Relevanz



Das Thema „Frieden“ als Spiegel aktueller Konflikte bedarf auf den ersten Blick keiner Begründung. Der Appell des Erasmus von Rotterdam an die Geistlichkeit, die Obrigkeit und alle Christen, den Frieden zu predigen, war ein wichtiger Beitrag in der öffentlichen Diskussion der Zeit. Durch die politische Situation in vielen Ländern, in denen Krieg, Terror und brutalstes Abschlachten von Menschen vor den Augen der Welt geschieht, ist die Gewaltfrage seit den beiden Weltkriegen kaum bedrängender gewesen. Die Folgen dieser Gewaltszenarien, gewaltige Flüchtlingsströme nach Europa, bedeuten direkte Konfrontation mit Kriegsleid und für politisches Handeln in Europa große Herausforderungen. Das Ausmaß der kriegerischen Auseinandersetzungen in einer globalen Welt macht die Friedensfrage dringlicher denn je. Wie können wir helfen, um so viel Leid zu verhindern? Die Sehnsucht nach Frieden dieser Menschen und für diese Menschen und Appelle reichen nicht, friedensstiftende Wege zu entwickeln bleibt dringlichste Aufgabe.
Der Schwerpunkt der Gewissensfreiheit nimmt die Fragen der Soldaten angesichts eines Kriegseinsatzes auf, die Frage nach ihrem Seelenheil. Dabei ist die Frage nach der Rolle des Staates, der Politik und des Rechts, die Luther aufwirft, von Bedeutung.

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